Die neuen Normalitäten

Mein letzter Beitrag hier stammt aus der Zeit, als die Corona-Pandemie in Deutschland richtig in Bewegung kam und der große Stillstand einsetzte, inklusive des Kunst- und Theaterbetriebs natürlich. Der unkontrollierten Verbreitung des Virus mussten wir mit maximaler Kontrolle des eigenen Alltags begegnen. Jeder Tag und jede Stunde fühlte sich irgendwann an wie in einem vorgegeben Stundenplan. Gut, dass sich dieser Zustand inzwischen geändert hat.

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Testlauf für das Nachgespräch von „Chinchilla Arschloch, waswas“ beim Theatertreffen auf Jit.si

Dementsprechend verlagerte sich auch die eigene Arbeit: Durch die Absage des Theatertreffens konnte unser Stück „Chinchilla Arschloch, waswas“ nur in der Corona-kompatiblen Ersatz-Version des Festivals gestreamt werden. Das Nachgespräch danach auf Jit.si war gemessen an den ungewohnten Umständen ganz schön, weil es so wenigstens den Anflug einer Versammlung und eines Miteinanders gab, aber es war gleichzeitig auch unheimlich und geisterhaft. All die Menschen nur auf dem Bildschirm zu sehen, mit denen man normalerweise aus voller Überzeugung Theater macht, weil man an die Enge des Theaters und die besondere Konzentration so sehr glaubt. Weil man weiß, welche Kraft daraus entstehen kann. Da braucht es schon eine große, ja, Immersionsbereitschaft, um sich dieses Miteinander am Bildschirm im eigenen Wohnzimmer herbei zu imaginieren.

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Mein Bildschirm während des Videostreams von „Chinchilla Arschloch, waswas“ beim Theatertreffen plus parallelem Nachtkritik-Live-Chat dazu (Sorry für die schlechte Foto-Qualität)

Wenige Wochen später war ich dann an zwei „Online-Events“ – ja, ein grausliges Wort, also sagen wir doch vielleicht: „Online-Formaten“? Hm. Auch allenfalls nur ein kleines wenig besser… Wie auch immer: Jedenfalls war ich an beiden Projekten unmittelbar beteiligt. In beiden Fällen ging es darum unter den Corona-Bedingungen trotzdem Theater zu machen, Performances zu ermöglichen, dem Virus zu trotzden. Das eine Projekt hieß „Pixelsinfonie“, eine Online-Installation von Michael Rauter, wo ich als Dramaturg mitarbeitete. Und das andere war der Launch der Webseite http://www.1000scores.com.

Seit fast zwei Jahren arbeitete ich mit Michael Rauter an seiner „Pixelsinfonie“ – einer Bearbeitung von Beethovens „Pastorale“, die wir in Ludwigsburg in den Zimmer des dortigen NH-Hotels installieren wollten. In jedem Zimmer ein*e Musiker*in, mit offenen Fenstern, alle Musiker*innen mit Kopfhörern verbunden. Der gemeinsame Klang des Orchesters wäre draußen, an der Fassade des Hotels, entstanden. Das Publikum wäre außerdem durch die Zimmer der Musiker*innen gewandelt.
Tja, wäre… Klar, das ging unter Corona-Bedingungen nicht. Wir versuchten das Stück umzubauen und die Isolation der Hotelzimmer umzumünzen auf die Isolation in der Pandemie. Jede*r Musiker*in wurde einzeln mit Kamera und Mikro aufgenommen. Im Schnitt legte Michael Rauter dann alle Videos in einem riesigen Grid nebeneinander und mischte die 30 Instrumente so ab, dass tatsächlich ein Orchester erklang. So entstand eine wundervolle, aber gleichzeitig auch absurde musikalische Situation, in der wir die räumliche Trennung der Musiker*innen durch ein klangliches Miteinander überwanden. Als Online-Installation lief das Stück dann eine Woche lang im Loop auf den holprigen Servern der Ludwigsburger Schlossfestspiele.

Gleichzeitig spürte ich aber nach diesen zwei videolastigen Streaming-Erfahrungen (Theatertreffen, Pixelsinfonie) deutlich, dass Videostreaming für mich kein adäquater Ersatz für das ist, was ich im Theater so schätze: Die Liveness, das Unvorhersehbare, das Überfordernde.
Ich grübelte einige Wochen rum und hatte dann eine Idee, die ich zunächst im Rahmen eines Workshops an der Hochschule für Populäre Künste ausprobierte: Wie und wo können wir neue Räume und neue Bühnen erschließen, ohne die ganze Zeit das defizitäre Gefühl des „Früher war alles besser“ mit uns herumzutragen? Für welches Experiment ist jetzt die richtige Zeit? Vielleicht sogar ohne Mundschutz, Abstand und Desinfektionsmittel…?
Ich entschied mich dazu mit den Studierenden an Performance Scores zu arbeiten. Also kleine instruktive Werke, die das Publikum, also die Leser*innenschaft, dazu auffordern etwas zu tun, zu performen. Von Marcel Duchamp über John Cage, Yoko Ono und die Fluxus-Bewegung,  Hans Ulrich Obrists „do it“ bis zu Miranda Julys „Learning To Love You More“ gab es da schon viele großartige Dinge, die in verschiedensten künstlerischen Disziplinen ausprobiert wurden. Man könnte sogar von einer fest etablierten künstlerischen Praxis sprechen. Speziell, wenn man in die Musik guckt (Score wird auch oft mit Partitur übersetzt) oder im Tanz, wo der Score zum Grundhandwerkszeug fast jede*r Choreograph*in gehört.
Was passiert also, wenn diese Scores auf die aktuelle Situation zugeschnitten werden? Wenn Künstler*innen aus verschiedensten Disziplinen ihre eigene Praxis in Performance Scores überführen und ihre Kunst auf diesem Weg zu den Menschen nach Hause bringen? Wenn das Publikum selber zur Performer*in werden kann bzw. jetzt sogar werden muss, da sämtliche Theater, Konzertsäle und Museen geschlossen sind? Und zu guter letzt: Was, wenn wir Performance Scores digital denken, in Form von Codes, Algorithmen oder Games und damit nicht mehr nur statisch in Schrift und Bild wie bei Obrist oder im Fluxus? Keine Ahnung, dachte ich mir. Ausprobieren.
So legte ich mit den Studierenden los und merkte schon vor dem ersten Workshop: Dazu will ich ein Projekt machen.

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Sehr spontan und ohne einem Euro Projektgeld fragte ich eines Abends David Helbich, Kumpel und Künstler aus Brüssel, der schon lange und viel mit Performance Scores arbeitet, und meine geschätzte Rimini-Kollegin Helgard Haug, ob wir nicht zu dritt daraus ein Projekt basteln wollen. Erste Idee: Einfach ein Blog, wir fragen ein paar Leute nach Beiträgen, no budget, ganz easy so nebenbei. Die beiden hatten sofort Lust und wir legten los. Und wie das dann manchmal so ist: Nix da nebenbei. Das Projekt wuchs und wuchs von Tag zu Tag, von Ende April bis jetzt, und höchstwahrscheinlich wird es mein bisher arbeitsintensivstes Projekt aller Zeiten. Es heißt 1000 Scores, der Launch der Website war Mitte Juni und es ist hier zu finden: http://www.1000scores.com. Wir haben mit PACT Zollverein, Tanz im August, dem Goethe Institut und dem Kanal – Centre Pompidou vier super Koproduzenten und zahlreiche weitere Partner-Institutionen, die die Beauftragung vieler neuer Scores sicherstellen. Stand heute sind 14 Scores auf der Seite von Künstler*innen wie Tim Etchells, Johannes Paul Raether, Ryoko Akama, Annie Dorsen, Tabita Rezaire, Neo Hülcker, Samson Young und RYBN. Es werden mindestens noch 50 folgen. Wir sind zuversichtlich und hoffen, dass es noch mehr werden.

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Schule der Distanz

Wenn „Social Distancing“ gefragt ist, steht’s schlecht ums Theater. Jedenfalls um das Theater, wie wir es kennen oder gewohnt sind. Premieren werden abgesagt, Festivals verschoben, sämtliche Kunstinstitutionen setzen ihren Betrieb bis auf Weiteres aus. „Vorläufig bis 19.4.“ heißt es in offiziellen Verlautbarungen. Das ist mehr als ein Monat, wo Millionen von Besucher*innen auf Kunst und Kultur verzichten müssen. Und die Vermutung liegt nah, dass noch weitere Wochen, vielleicht Monate, hinzukommen werden.

Diverse Online-Plattformen wie Nachtkritik streamen aktuelle und ältere (aufgezeichnete) Theateraufführungen und alle durchwühlen nochmal ihre Website-Archive und externen Festplatten nach Materialien, die man sich irgendwie auf dem Computer angucken kann, um nicht bereits nach wenigen Tagen abzustumpfen.

So ähnlich läuft das bei mir auch ab. Die Hochschulen, bei denen ich in den kommenden Monate Lehraufträge habe, schicken mehrmals täglich Emails mit der Aufforderung die Lehre nun, na klar, bitte online durchzuführen. Premieren wackeln, weil Proben mit „Social Distancing“, im wahrsten Sinne des Wortes, leider nicht in Hand in Hand gehen. Festivals melden an, dass man sich schon mal auf die Möglichkeit der Absage des Gastspiels einstellen solle. Bleibt nicht mehr viel übrig vom Theateralltag. Schöne Scheisse.

Als die Pandemie vor einigen Tagen im eigenen Alltag ankam, mehr und mehr von Quarantäne die Rede war und #socialdistancing die Losung der Stunde wurde, musste ich an die „Schule der Distanz“ denken. Ein thematisches Wochenende mit Performances und Vorträgen, das ich 2016 im Rahmen der Immersion-Reihe der Berliner Festspiele im Martin Gropius Bau kuratiert habe. Für einige Menschen war der Titel der Veranstaltung damals schwer verständlich. Speziell im Zusammenhang mit dem ambivalenten Buzzword Immersion fragten mich Leute, was das nun alles mit einer „Schule“ zu tun habe und wieso überhaupt „Distanz“. Bisweilen schwer verdaulich, vielleicht auch kompliziert, wirkte das Unterfangen.

Manchmal passiert es, dass die eigentliche Qualität von Projekten sich erst ein paar Jahre später entfaltet. Weil sich die Welt in eine bestimmte Richtung dreht und auf einmal neue Perspektiven und damit neue Begriffe unser Leben bestimmen.

Denn: Auf einmal erhalten wir Anweisungen darüber, wie nah wir anderen Menschen (noch) kommen dürfen. Unser räumliches Verhältnis zueinander wird neu vermessen, wenn es darum geht die Verbreitung des Virus‘ zu verhindern. Wir müssen uns in Distanz üben. Ist zu viel Nähe entstanden…? Können wir dem nur durch die Disziplinierung unserer Körper begegnen?

Um genau diese Frage habe ich mich mit den beteiligten Künstler*innen der „Schule der Distanz“ damals gedreht. Das Ganze im Zeichen der Immersion, also Aufführungstechniken und -technologien, die es darauf anlegen gewohnte Grenzen aufzulösen und einem näher zu kommen, als man es gewohnt ist.

SCHULE DER DISTANZ - Martin Gropius Bau

Fast jede der Arbeiten, die im Rahmen der „Schule der Distanz“ entstanden sind, wäre es heute Wert neu installiert bzw. aufgeführt zu werden. Am eindrücklichsten kommt mir in diesen Tagen Annika Kahrs‘ musikalische Performance „Alone Together“ wieder in die Erinnerung: Vier Musiker*innen singen Arthur Schwartz‘ traurig-schönen Hit aus dem Jahr 1932 – gemeinsam, rhythmisch, nebeneinander stehend. Nachdem sie dies einmal getan haben, verlassen sie ihre Formation samt Mikrofonen und vereinzeln sich. In halber Geschwindigkeit singen sie das Lied erneut, setzen gemeinsam ein, verlieren sich bisweilen rhythmisch, ohne Sichtkontakt. Dieses Prozedere wiederholen sie mehrmals bis das Lied zur Unkenntlichkeit verlangsamt durch den Raum raunt, keine Wörter sind mehr zu verstehen, aber irgendwie tun sie’s doch zusammen, das Musizieren. Oder zumindest versuchen sie es.

SCHULE DER DISTANZ - Martin Gropius Bau

Dieser verzweifelt-vergebliche Versuch des Miteinanders, wenn man sich räumlich schon längst verloren hat und in Isolation wähnt, ermöglicht nun den Blick auf einen Alltag in Quarantäne. Jede*r ist für sich alleine, alle tun das Gleiche, irgendwie gleichzeitig.

 

 

Hier finden sich noch einige diskursive Beiträge aus dem Programm.

Die beitragenden Wissenschaftler*innen und Künstler*innen waren:

Ed Atkins

Omer Fast

Oliver Grau

Christiane Heibach

David Helbich

Finn Johannsen

Alexis Le-Tan

Gwen Jamois

Annika Kahrs

Doris Kolesch

Shintaro Miyazaki

Phuong Dan

Studierende der Universität Hildesheim mit Eike Wittrock

Mirjam Schaub

David Weber-Krebs

Stefanie Wenner

 

Eingriffe, Hacks und Interventionen – die Brecht-Tage 2020

Vor wenigen Tagen machte der Künstler Simon Weckert eine künstlerische Intervention im Netz öffentlich, für die er verantwortlich zeichnete. In einem kleinem, quietschenden Bollerwagen zog er 99 angeschaltete und mit SIM-Karten ausgestattete Smartphones durch die Straßen Berlins. Das konnte er mitten auf der Straße tun; ganz in Ruhe und ungestört, da weit und breit ken Auto fuhr. Was zunächst wie ein technisch-esoterisches Ritual oder allenfalls wie ein Dérive klingt, ist beim genauen Hinschauen ein spektakuläres Ereignis: Weckert setzte im Handumdrehen Google Maps und damit den Berliner Stadtverkehr außer Kraft. Wie? Googles Stauprognosen basieren auf einer ziemlich banalen Annahme: Wenn sich viele Handys auf wenig Raum auf einer Straße befinden und sich nur sehr langsam fortbewegen – all das kann Google bekanntlich tracken – nimmt das Programm an, dort befände sich ein Stau. Diese Prognose wird unmittelbar in den Dienst eingespielt, was zur Folge hat, dass sich die Routenempfehlungen Googles ändern: Das Geo-Tool empfiehlt den Stau zu umfahren. Die Folge: Um Simon Weckert herum herrschte Ruhe – leere Straßen und ein quietschender Bollerwagen. Ein paar Radfahrer*innen und Spaziergänger*innen und hier und da ein fahrendes Auto, das offensichtlich nicht entlang der Google-Routen fuhr. Als würde die Zeit stillstehen.

Weckert Aktion ist künstlerisch ein großartiger Coup: Mit einfachsten Mitteln setzte er das größte, die Welt umspannende Netzwerk außer Kraft. Ein spektakulärer Eingriff in unserer digitale Lebenswelt, die an Arbeiten der letzten Jahre von Künstler*innen wie !Mediengruppe Bitnik, dem Peng Kollektiv oder Aram Bartholl erinnert. Viele Begriffe wurden erfunden, um solche künstlerischen Praktiken zu beschreiben: Ein Hack wäre wohl die passendste Beschreibung. Etwas militaristischer könnte man auch von einer Intervention sprechen.

Was Weckert mit seinen „Google Maps Hacks“ tut, hat in der Kunst und auch im Theater Tradition. Durch Eingriffe in bestehende Systeme befragen Künstler*innen seit mindestens 100 Jahren, wie die Welt organisiert ist, die uns umgibt: Wer gestaltet unsere Kommunikation, unsere Bewegung und die Räume, die wir tagtäglich nutzen? Wer erschafft und kontrolliert diese Systeme und inwiefern orientiert sich ihre Gestaltung an den Bedürfnissen ihrer Nutzer*innen? Verstehen wir die Welt, die uns umgibt, überhaupt noch?

Am Montag, 10. Februar, beginnen die Brecht-Tage im Literaturforum im Brecht-Haus. Sie stehen dieses Jahr unter dem Titel „Brecht und das Theater der Intervention„. Bis  Freitag finden täglich Gespräche, Vorträge und Diskussionen statt, die mit Blick auf Brechts interventionistische Methodik nach dem Stellenwert künstlerischer Eingriffe im Kontext des Theaters und der Performance-Kunst fragen.

Am ersten Tag geht es um Brechts Texte zur Intervention, zu Gast sind Margarita Tsomou und Matthias Warstat, Moderation Christian Rakow.

Am Dienstag diskutieren Florian Malzacher und Bernd Stegemann die Frage „Wie kann Theater heute interventieren?“, moderiert von Christine Wahl.

Der Mittwoch wird eröffnet von der Wiener Künstler*innnengruppe WochenKlausur – Martina Reuter und Wolfgang Zinggl stellen einige ihrer Projekte vor. Im Anschluss diskutieren Martina Reuter, Bernd Ruping und Julius Heinicke fragen am Donnerstag, ob Kunst Missstände beheben kann. Moderiert wird der Abend von Marianne Streisand.
Aram Bartholl wird am 13.2. einen „Dead Drop“ in unmittelbarer Nähe des Brecht-Hauses installieren. Anschließend spreche ich mit Bartholl und Helgard Haug von Rimini Protokoll über die kleinen und vermeintlich unauffälligen Interventionen – wie etwa die von Simon Weckert.
Und am abschließenden Freitag gibt es nochmal einen weitgreifenden Überblick über diverse Vorschungsvorhaben zur Thematik, u.a. mit Eva Renvert, Anja Klöck, Michael Wehren, Matthias Rothe, Anja Quickert, Carolin Sibilak, Katharina Kolar und Claudia Hummel.
Hier finden sich sämtliche Informationen zum Programm, das ich gemeinsam mit meinen Kolleg*innen Christian Hippe, Volker Issbrücker und Marianne Streisand entwickelt habe.

Chinchilla beim Theatertreffen

Heute wurde es bekannt gegeben, die Freude ist groß:

Unser Frankfurter Stück „Chinchilla Arschloch, waswas“ wurde von der Jury zum Theatertreffen eingeladen. Die vier Vorstellungen finden Mitte Mai im HAU2 statt.

Vielen Dank für die besondere Auszeichnung. Übrigens mein zweites Theatertreffen-Stück, meine Premiere war 2013, auch mit Rimini Protokoll, und „Situation Rooms“.

Suche Spandauer, Ü75, verheiratet, für Klassiker

Jüngst musste ich feststellen, dass ich mittlerweile ein Alter erreicht habe, wo Arbeiten, an denen ich beteiligt war, als „Klassiker“ bezeichnet werden. Wenn ich selber Klassiker sage – übrigens lustigerweise im Theater ein erstaunlich häufig vorkommender Begriff – meine ich in der Regel Stücke von Shakespeare oder Schiller. Aber gut, so ist das halt, wenn man älter wird. Kann man vielleicht ja auch stolz darauf sein. Jedenfalls: „100% Berlin“ von Rimini Protokoll wird inzwischen als so ein Klassiker bezeichnet. Und obwohl das Stück inzwischen zwölf Jahre alt ist, passiert grad nochmal was ziemlich Besonderes damit.

Anlässlich der Feierlichkeiten und zahlreichen Programme und Performances rund um das 20-jährige Bestehen von Rimini Protokoll legen wir „100% Berlin“ neu auf. Die Grundidee des Stücks ist denkbar einfach: Auf der Bühne stehen 100 Menschen, die statistisch nach fünf Kriterien genauso zusammengesetzt sind wie die Stadt Berlin. Für Berlin bedeutet das ganz konkret das hier:

Geschlecht Weiblich 51
Geschlecht Männlich 49
Alter 0-6 6
Alter 6-18 10
Alter 18-25 7
Alter 25-45 31
Alter 45-60 21
Alter 60-65 6
Alter 65-75 9
Alter 75-100 10
Familienstand ledig 51
Verheiratet 34
Verwitwet 6
Geschieden 9
Staatsangehörigkeit Deutsch 80
Staatsang. Polen 2
Staatsang. Türkei 3
Staatsang. Ehem. Jugoslawien 2
Staatsang. Afrika 1
Staatsang. Frankreich 1
Staatsang. Italien 1
Staatsang. Asien 5
Staatsang. Nord-+Südamerika 2
Staatsang. Ehem. Sowjetunion 2
Staatsang. Bulgarien 1
Bezirk Mitte 10
Friedr.-Kreuzb. 8
Pankow 11
Charlott.-Wilmersd. 9
Spandau 7
Steglitz-Zehlend. 8
Tempelhof-Schöneb. 9
Neukölln 9
Treptow-Köpenick 7
Marzahn-Hellersd. 7
Lichtenberg 8
Reinickendorf 7

Für die Dauer der Aufführung stehen 100 Menschen auf der Bühne, die gemeinsam diese Kriterien erfüllen. Eine temporäre Vertretung der Stadt.

2008 wurde das Hebbel-Theater (HAU1) 100 Jahre alt. Also auch da gab es bereits diesen feierlichen Jubiläumskontext. In den letzten zwölf Jahren entwickelte sich „100%“ zum wahrscheinlich erfolgreichsten Rimini-Stück. Weltweit haben bereits 38 stadtspezifische 100%-Versionen stattgefunden, aktuell entsteht eine in Hongkong.

Nun legen wir dieses Stück neu auf und schnell ergaben sich daraus im vergangenen Sommer mehrere interessante Fragen. Etwa: Wer von den damaligen 100 wird nochmal mitmachen? Wen erreichen wir überhaupt? Wer ist noch in der Stadt? Wer ist gestorben, wer neu auf die Welt gekommen? Und überhaupt: Was ist in Berlin in den letzten zwölf Jahren passiert? Und wenn man schon bei den ganz großen Fragen ist, warum nicht gleich: Was ist in der Welt in den letzten zwölf Jahren passiert?

Mit all diesen Überlegungen machte ich mich mit meiner Kollegin Lisa Homburger an die Arbeit: Wir riefen alle 100 an. Von riesig großer Freude, über totale Verwunderung und größere Erinnerungslücken bis zu „Bitte was willst Du?“ und „Nee, lass mich in Ruhe“ gab es eigentlich alle erwartbaren Reaktionen. Aber das Tollste und Wichtigste: Ziemlich viel Freude über den Anruf und das neue, alte Vorhaben. 42 der 100 Alten sind wieder dabei, wenn am 9.1. (meinem Geburtstag!) die Premiere von „100% Berlin reloaded“ im HAU 1 stattfindet (Karten schnell bestellen, wird wahrscheinlich bald ausverkauft sein).

Ach, wir haben übrigens erst 99 der 100 zusammen: Kennst Du einen Spandauer, deutsch, über 75 Jahre alt, der vielleicht Lust hätte mitzumachen? Das wäre toll. Meld Dich dann bitte bei mir.

 

Ein kaputtes Auto und Gewitter im Kopf

Im September gastierten wir mit „Chinchilla Arschloch, waswas“ beim Grenzenlos Kultur-Festival am Staatstheater Mainz. Vor zweimal ausverkauftem Haus (ca. 400 Plätze) hatten wir bei stehenden Ovationen super Vorstellungen. Der Weg dahin war aber ziemlich steinig: Das Auto von Christian Hempel, einem der Hauptdarsteller unseres Stücks, ist gleich am ersten Probentag sein VW-Bus kaputt gegangen. Das klingt zunächst banal, hatte für uns aber weitreichende Konsequenzen, denn die Voraussetzung dafür, dass Christian überhaupt Theater machen kann, ist das Auto. Es ist speziell nach seinen Bedürfnissen eingerichtet und entlang seiner Tics präpariert, sodass er und der/die FahrerIn (in der Regel sein Frend Stephan Schliephake, der auch mit auf der Bühne steht) ungestört und sicher reisen können. Extra verglaste Fenster, eine Scheibe zwischen Vorder- und Hinterbank, angenehme Polsterung usw.… Nun hatte es aber die Lichtanlage erwischt. Der Bus fuhr noch, aber eben ohne Licht. Der VW musste in die Werkstatt und das war ein Problem mit Tragweite. Christian kann wegen seiner Tics nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Kein Zug, kein Bus und Flugzeug schon gar nicht. Also dachten wir uns: Ein Leihwagen muss her! Aber: Der muss nach heftigen Tics und Umbau heil bleiben. Und wir müssen ihn auspolstern, damit er für Christian benutzbar wird. Gesagt, getan. Stephan besorgte in Windeseile ein super Ersatz-Auto, die Techniker*innen des Mousonturms, wo Christian und Stephan untergebracht waren, präparierten es über Nacht, sodass die beiden überhaupt nach Mainz kommen konnten. Zugegeben: Nach dem Umbau ähnelte der Bus einem Käfig, aber Christian waren die Sicherheitsmaßnahmen sehr wichtig und ohne seiner Zustimmung wäre eine Fahrt nicht möglich gewesen.

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Das Inspizientenpult in Mainz

Die Proben liefen dann wunderbar und Dank einer super Werkstatt in Frankfurt war Christians Bus überraschenderweise schon am nächsten Tag wieder einsatzbereit. Die Premiere konnte kommen.

Übrigens war Christian neulich bei dem unfassbar erfolgreichen YouTube-Channel „Gewitter im Kopf“ von Jan Zimmermann zu Gast. Jan und Tim haben ihn in Lüneburg besucht. Hier der Link (500.000 Views!!): https://www.youtube.com/watch?v=fUekFqhWUKM

 

Im nächsten Post gebe ich mal wieder einen Überblick, an welchen Projekten ich grad arbeite. Gerade viel Vorbereitung, dann drei große Premieren und ein kleines mitkuratiertes Programm im ersten Halbjahr 2020… Puh.

 

Chinchilla am HAU

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Nach Frankfurt ist vor Berlin: Die vorerst letzte Vorstellung von „Chinchilla Arschloch, waswas“ im Bockenheimer Depot hat am 12. Mai stattgefunden, jetzt laufen die Vorbereitungen für das erste Gastspiel. Vom 5.-7. Juni läuft unser Stück im HAU 2 und wir freuen uns alle schon sehr auf das „Heimspiel“.

Überhaupt muss man sagen, dass die ganze Produktion eine große Freude war. Klar, die Latte hing hoch, denn wie wir überhaupt ein Theaterstück mit Menschen auf die Beine stellen, die Tourette haben und sich deswegen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit Händen und Füßen gegen das Theater wehren, war uns bis zum Probenbeginn eigentlich nicht klar. Nicht nur wir hatten großen Respekt vor der manchmal unlösbar scheinenden Aufgabe, auch den DarstellerInnen ging es so.

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Man muss ehrlicherweise aber hinzufügen: Wir waren gut vorbereitet. Helgard und ich haben für Rimini-Verhältnisse ein ziemlich reifes Skript am ersten Probentag vorgelegt, das wir ideenmäßig über den Winter entwickelt hatten. Und auf einmal schien alles recht klar. Schnell wussten alle, was zu tun ist, was wir gemeinsam erzählen und zeigen wollen. Wir haben die Entstehung und Bedingungen des gemeinsamen Theatermachens zum Stück erklärt und somit ist „Chinchilla Arschloch, waswas“ eine Art Auto-Dokumentation geworden. Und nebenbei die für mich rundeste und konsequenteste Rimini-Arbeit, an der ich bisher beteiligt war. Tollerweise ging das vielen anderen Besucher*innen und Fachleuten ähnlich: Die FAZ fand das Stück „urkomisch und gescheit“, Nachtkritik stellte erfreut fest, dass die Darsteller „zunehmend die Kontrolle über den Abend“ übernehmen, Deutschlandfunk konstatierte sogar die Inszenierung feiere „das Wunderwerk Mensch“.

 

Noch gibt es ein paar Restkarten für die drei Vorstellungen am HAU. Weitere Gastspiele sind in Planung. To be announced!

 

 

Fotos: Robert Schittko (Copyright)

 

 

Brechts Idee künstlerischer Interventionen mit kleinen, wendigen Truppen

Am 26. Juni 2018 durfte ich einige Gäste ins Literaturforum im Brecht-Haus einladen, um mit ihnen über die Aktualität von Brechts „kleinen, wendigen Truppen“ zu sprechen. Darunter Alexander Karschnia (andcompany&Co.), Jean Peters (Peng!-Kollektiv) und  Hilke Berger (HCU Hamburg). Alle Drei brachten Texte mit, die ihre Lesart und ihr heutiges Verständnis von Brechts Vision verdeutlichen. Hilke Bergers Beitrag ist im aktuellen Journal vom Literaturforum im Brecht-Haus abgedruckt und nähert sich theoretisch der Frage und Aktualität von interventionistischen Praxen. Hier im Layout:

 

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Chinchillas, Smartphones und Udine

„Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn“

Zur Zeit arbeite ich mal wieder mit Rimini Protokoll zusammen. Nach „100 Prozent Berlin“, „Sicherheitskonferenz“, „Situation Rooms“ und „Hausbesuch Europa“ ist es inzwischen das fünfte Stück, das ich dieses Mal gemeinsam mit Helgard Haug entwickele. Das Stück wird „Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn“ heißen. Für Rimini-Verhältnisse ein ungewöhnlicher Titel. Das liegt an seinem Protagonisten: Christian Hempel. Christian sagt und tut häufig Dinge, die er so nicht will und nur unter großen Kraftanstrengungen halbwegs im Griff hat. Man kann sich das vorstellen wie der permanente Drang niesen oder husten zu müssen. Mit dem Unterschied, dass es sich bei Christian um so genannte Tics (nicht: Ticks mit K, das ist was anderes) handelt, die seine Gliedmaßen durchfahren. Oder eben Wörter und Sätze, die er unwillkürlich von sich gibt: Dazu gehört etwa auch „Chinchilla Arschloch, waswas“.  Tourette-Syndrom nennt man dieses Phänomen, das auf eine bis heute noch nicht gänzlich erklärbare Art und Weise die Abläufe im Gehirn anders anordnet. Fälschlicherweise oft als „Schimpferkrankung“ bekannt, wird Tourette gerade medial gerne spektakulär ausgeschlachtet. Auch Christian hat damit schon einige unangenehme Erfahrungen gemacht.

Wir wollen im Bockenheimer Depot in Frankfurt (Main) jetzt ein Stück mit ihm machen, wo es weniger um ihn geht, sondern vielmehr ums Theater. Denn, darauf kamen wir recht schnell: Es gibt wahrscheinlich kein erzählerisches Medium, das auf den ersten Blick weniger Tourette-geeignet ist als das Theater. Und das hat etwas damit zu tun, dass die Theaterbühne traditionell für Kontrolle steht. Über den eigenen Körper, die Sprache, die Situation und letztendlich sogar über das Publikum. Diese Idee der Selbstbeherrschung geht wie selbstverständlich von einem Körper- und Menschenbild aus, das die Möglichkeiten des unwillkürlichen Verhaltens suspendiert. Man kann mit Foucault auch von einem Disziplinierungsapparat sprechen, der Instinkte, Triebe, Affekte und jegliche weiteren Handlungen und Dränge, die unsere Körper auch ohne Tourette ständig entwickeln, unterdrückt. Warum ist das so? Zu welchen Absurditäten führt das in unserer alltäglichen Kommunikation? Und welche Rolle spielt das Blickregime des Publikums dabei?

Diese Normativität wollen wir mit dem Tourette aufbohren. Von der Bühne wird jetzt zurückgeguckt: Mit Christian Hempel, Benjamin Jürgens, Bijan Kaffenberger und Barbara Morgenstern. Premiere ist am 11. April 2019 im Bockenheimer Depot in Frankfurt (Main).

Konzept, Text & Regie: Helgard Haug
Mit: Christian Hempel, Benjamin Jürgens, Bijan Kaffenberger, Barbara Morgenstern
Komposition & Musik: Barbara Morgenstern
Bühne: Mascha Mazur
Video: Marc Jungreithmeier
Dramaturgie: Cornelius Puschke
Recherche & Künstlerische Mitarbeit: Meret Kiderlen

Ach ja, als Vorlauf zum Stück gibt es jetzt bereits ein Hörspiel, produziert vom WDR, hier (noch) zu hören.

 

Smartphone-Messenger-Workshop an der Theaterakademie Hamburg

Im Herbst vergangenen Jahres habe ich mit Dramaturgie-Studierenden der Theaterakademie Hamburg Smartphone-Performances erarbeitet. Wir haben dafür eine ähnliche Versuchsanordnung wie bei meinem Projekt „/me followed by an action“ genutzt, wo es darum geht Smartphone-Messenger wie WhatsApp oder Telegram als erzählerische Medien für Performances zu nutzen. Entstanden sind einige schöne Experimente, wo die Studierenden mit recht einfachen dramaturgischen Handgriffen Situationen geschaffen haben, die mit dem Mitteln des Theaters Smartphone-Technologien und unsere tagtägliches Kommunikationsverhalten befragten.

 

Vortrag in Udine: „Theatre is just another word for participation“

Anfang Dezember durfte ich auf Einladung des Teatro Palamostre das wunderschöne Udine in Nord-Italien besuchen. Dort fand das mehrtägige Symposium „C’è posto per tutti“ zu Fragen der Partizipation im Theater statt und ich wurde angefragt einige Einblicke in die Arbeiten von Rimini Protokoll zu geben. IMG_6365Ich halte es mit dem Begriff „Partizipation“ ja ähnlich wie mit der vielzitierten „Immersion“: Im Grunde sagen diese Wörter nichts Neues aus. Es gibt keine Kunst ohne Partizipation und auch keine ohne Immersion, dem sprichwörtlichen Eintauchen. Jeder Theaterbesuch ist auch in dem dunkelsten Zuschauerraum letztendlich irgendwie partizipativ. Aber, und hier wird’s weniger banal: Diese Begriffe helfen uns den Blick auf ästhetische und politische Entwicklungen zu werfen. Die Möglichkeiten eines agierenden, wachen und direkter beteiligten Publikums haben sich durch die so genannten partizipativen Künste enorm entwickelt. Das ist übrigens weder gut noch schlecht, fördernswert oder abschaffenswert, sondern schlicht und einfach eine recht offensichtliche Entwicklung der Künste, die sich schon über viele Jahrzehnte zurückverfolgen lässt. Deswegen erlaubte ich mir auch den etwas flapsigen Titel des Vortrags (s.o.), der einerseits darauf hinweist, dass es kein Theater ohne Partizipation gibt und andererseits anhand von Rimini Protokolls Arbeit einen Ausblick darauf gibt, welche künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten entstanden sind.

Schwarzmarkt zum Hören

Wer es noch nicht kennt: Auf http://audio-archive.com/ gibt es ein gewaltiges Archiv sämtlicher Audio-Aufnahmen der Gespräche aller Schwarzmärkte für nützliches Wissen und Nicht-Wissen; der erste aus dem Jahr 2005 und der letzte, tataa, aus dem September diesen Jahres, den ich in Halle im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes kuratiert habe. „How to speak of the land“ wurde der Titel ins Englische übersetzt: „Wie vom Land sprechen“ hieß es auf Deutsch. Ich kann das Reinhören empfehlen, es sind einige wirklich spannende Gespräche dabei und bewerbe das Ganze mal etwas marktschreierisch: Für alle was dabei!

http://audio-archive.com/

Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen

Wie vom Land sprechen? 168 Erzählungen zu einer Frage

Mobile Akademie Berlin, Lizenz  Nr. 5

Eine Produktion im Rahmen des TRAFO-Ideenkongresses
Lizenzgeber: Mobile Akademie Berlin
Lizenznehmer: TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes
Konzept: TRAFO / Kulturstiftung des Bundes
Kuration: Cornelius Puschke
Produktionsleitung: Sarah Hollender
Projektmitarbeit: Kim Brian Dudek