Zukunftsgenoss*innen!

Ach, wenn es doch wahr wäre: Das postpandemische Theater liegt hinter mir. Das ist allerdings nicht der Fall, wir befinden uns mitten in der Zweiten Welle mit geschlossenen Sälen allerorten. Es liegt allenfalls insofern hinter mir, als dass die dreitägige Konferenz „Postpandemisches Theater“ mit Impulsen und Diskussionen, die vom Literaturforum im Brecht-Haus in Kooperation mit der Heinrich Böll-Stiftung vom 11.-13. November veranstaltet wurde, nun stattgefunden hat. Gemeinsam mit Sophie Diesselhorst und Christian Rakow von nachtkritik.de habe ich das Programm und die Veranstaltungstage organisiert.


Im Anschluss an den Text, den ich für den Netztheater-Band der Böll-Stiftung geschrieben habe, schien es mir dringend notwendig nicht nur über den aktuellen Zustand der Theaterlandschaft in der Pandemie zu reden und nachzudenken, sondern einen Schritt weiter zu gehen und die Frage danach zu stellen, was für ein Theater eigentlich (notgedrungenerweise) aus der Pandemie erwachsen kann, soll oder sogar muss. Ich suchte im September das Gespräch mit den Herausgeber*innen des Bandes – Christian Römer (Böll-Stiftung), Sophie Diesselhorst & Christian Rakow (nachtkritik.de) – und kontaktierte gleichzeitig Christian Hippe vom Literaturforum im Brecht-Haus, da ich mit ihm im Anschluss an die fünf kleinen Werk-Aufträge für 1000 Scores ohnehin noch eine Veranstaltung plante, die sich um künstlerische Praktiken in der Pandemie drehen sollte. Um der Komplexität und Größenordnung der Frage gerecht zu werden, wollte ich das Ganze nicht alleine kuratieren – das tue ich ohnehin eher ungern – und so kam es zu der glücklichen Fügung, dass Sophie und Christian Zeit und Lust hatten das Ganze mit mir gemeinsam auf die Beine zu stellen.


Nun ging es ans Texte Schreiben, Leute Anfragen und, wichtig, Titel Finden! Schon seit März schwirrte der Begriff „postpandemisches Theater“ durch einschlägige Texte und Twitter-Beiträge. Neben mir verwand ihn im Netztheater-Band etwa auch Friedrich Kirschner. Christiane Hütter, ebenfalls in der Redaktion für den Netztheater-Band, hatte ihn sogar schon im April mal ausführlich in einem Text auf Nachtkritik behandelt. Wir wählten diesen Begriff also für die Veranstaltungstage, weil er uns sehr anschaulich schien. Durch das (zugegebenermaßen etwas abgegriffene) Präfix „Post“ markierte er klar und deutlich, was die Denk- und Vorstellungsaufgabe für die drei Tage sein soll: In die Zukunft zu denken und zu spekulieren, wie diese für das Theater aussehen könnte, wenn wir die Gegenwart genau genug betrachten und analysieren.

Die Veranstaltungen fanden dann angesichts des „Lockdown Light“ online statt – es gab aktive und passive Teilnahmemöglichkeiten per Zoom (mit Chat und Nachgespräch) und YouTube (Stream). Ohne der Zweiten Welle und den im November in die Höhe schnellenden Infektionszahlen hätten wir die drei Tage ganz klassisch im kleinen, gemütlichen und räumlich äußerst begrenzten Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin verbracht. Es hätte – je nach Verordnungslage – maximal Platz für ca. 50 Leute gegeben. Wir haben uns aber schon früh dazu entschieden eine so genannte hybride Variante anzupeilen, durch die interessierte Menschen auch online der Veranstaltung beiwohnen können.

Die Resonanz überstieg unsere Erwartungen: Beim ersten Tag waren rund 500 Leute dabei. Am zweiten und dritten etwa 300. Und zwar zum großen Teil bis zum Ende der Gespräche. Es gab also Informations-, Gesprächs- und wahrscheinlich auch einen Versammlungsbedarf angesichts sämtlich geschlossener Veranstaltungsräume im deutschsprachigen Raum. Die Dringlichkeit die gegenwärtige und zukünftige Lage zu besprechen war von allen Seiten jederzeit spürbar. Diese Pandemie stellt alle physischen Begegnungsformen zur Disposition. Das bedeutet nicht nur: keine Konzerte, keine Parties und kein Theater. Es geht, so glaube ich, viel weiter: Wenn man an den Ursprung der westlichen Idee von Demokratie denkt, ist die Versammlung von Körpern in einem Raum gewissermaßen das Fundament der Demokratie (Stichwort „Polis“). Allerdings – und hier wird’s jetzt spannend – gibt es durch die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte eine Entwicklung dahin, dass die politische Willensbildung zunehmend im Netz, und damit ohne physischer Kopräsenz, stattfindet. Sehr viele politische Bewegungen der jüngeren Vergangenheit, egal welcher politischen Couleur, haben ihren Ursprung im bzw. entwickeln ihre Kraft aus dem Netz, im Wesentlichen durch Social Media. Welche Kraft hat das gute, alte Theater (noch) in diesem Zusammenhang mit seiner etwas old-fashioned wirkenden Idee von Versammlung und physischer Kopräsenz? Befindet es sich in der Ablösung durch die Technologien und Logiken von Online-Plattformen? Oder – so wird ja meistens beschwichtigend von allen Netz-Enthusiast*innen hinzugefügt – sind die Möglichkeiten für Gemeinschaftsbildungen, die das Netz und seine Algorithmen bietet, lediglich als „Erweiterungen und Ergänzungen“ zu verstehen?

Der Philosoph Armen Avanessian griff diese Gedanken dankbarerweise gleich in seiner Keynote (ab 3:35) auf und schlug einen weiteren neuen Begriff vor, der mir sehr gut gefällt: Zukunftsgenössisch. Er forderte kein zeitgenössisches, sondern ein zukunftsgenössisches Theater und hob dabei einige Aufgaben hervor: Er schlug vor neue, alternative Präsenz-Konzepte für das Theater zu entwickeln. Das Theater als einen Ort zu denken, wo neue politische Sprecher*innen-Positionen entstehen oder einen Platz finden können – und zwar vor der Frage nach deren (von oben herab gedachten) „Partizipation“. Das Theater sei dafür prädestiniert diese notwendigen Veränderungen zu reflektieren, zu beeinflussen und auch zu steuern – alleine schon, weil es aus Selbstschutz im Sinne des eigenen institutionellen Überlebens dazu gezwungen ist.
Ich sympathisiere mit seinen eröffnenden Überlegungen sehr und kann nur empfehlen sie sich mal in Ruhe anzuhören. Alle weiteren Gespräche und Impulse der drei Tage sind auf dem YouTube-Kanal des Literaturforum im Brecht-Haus zu finden.

In den kommenden Monaten werde ich weiter an den Fragen arbeiten, die auch Gegenstand der Konferenz waren. Aufbauend auf meinem Text „The Show Must Not Go On. Plädoyer für 1000 neue Theater“ habe ich vom Fonds Darstellenden Künste im Rahmen des #takecare-Programms eine Förderung für ein Recherchevorhaben erhalten, das ich passenderweise „1000 Theater“ genannt habe. Diese Förderung möchte ich dafür nutzen mit ca. zehn anderen Künstler*innen und potenziellen Zukunftsgenoss*innen in einen formalisierten Gesprächsprozess zu gehen, in dem ich ihnen die Frage nach den neuen Theatern stelle, die wir brauchen und die sie sich wünschen. Fragen nach neuen Architekturen, Versammlungsformen und Spielplänen, die einen Ausblick auf das Theater der Zukunft ermöglichen.

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.